Soll ich Pokerprofi werden? - Nichts als die Wahrheit

Viele junge Menschen setzen sich mit der Frage auseinander ob sie professionelle Pokerspieler werden wollen. Wie bei jeder schweren Entscheidung gibt es Vor – und Nachteile welche es abzuwägen gilt.

Wir spielen Poker um finanziell unabhänig und damit frei zu werden. Mit schnell meine ich keine lucky lucker Karriere a la Chris Moneymaker, sondern schnell im Vergleich zu dem, wie lange es in der freien Wirtschaft dauern würde.
Machen wir uns nichts vor. Die Realität sieht heute wie folgt aus: Immer mehr Menschen werden in den Niedriglohn Sektor abgeschoben, müssen unter unmenschlichen Bedingungen für einen Lohn arbeiten, welcher zum Leben zu wenig und zum Sterben zu viel ist.

Noch gravierender wird das Problem wenn wir es nicht National/Europaweit sondern International betrachten.

Uns sollte bewusst sein, das der Lebensstandard in Deutschland zu den Besten der Welt gehört.


Viele Unternehmen beuten ihre Mitarbeiter aus, und verlangen ihnen unbezahlte Überstunden ab. Ehemals blühende Unternehmen und Familienbetriebe wurden von der Hochfinanz im Sinne des Shareholder Value zu Ungunsten der Arbeitnehmer verändert. Dividenden für Aktionäre gehen vor Arbeitnehmerinteressen, eine AG ist ihren Aktionären verpflichtet. Der Firmenwert steigt mit der Produktivitätssteigerung durch niedrigere Löhne.
Die Gewerkschaften müssen unter der Drohung der Verlagerung von Arbeitsplätzen in Billiglohn Länder zurückstecken, und hart erkämpfte Arbeitnehmer Rechte aufgeben.
Ehemals stolze Arbeitnehmer finden sich nun im Niedriglohnsektor wieder.


Die Jugend ist unzufrieden, es ist das Zeitalter der Spekulanten. Wollten junge Menschen vor einigen Jahrzehnten noch die Welt verbessern, und Anwälte, Ärzte oder Entwicklungshelfer werden, geht es der Jugend heute nur noch darum möglichst schnell Reich zu werden.
DSDS, Germanys next Topmodel, Big Brother und Popstars verkaufen diese Träume, und werden mit unfassbaren Einschaltquoten belohnt.

Die Jugend hat kaum noch Ideale, kaum einen Antrieb Großes zu erreichen, grob gesagt spaltet sie sich in 2 Lager.

Das eine Lager hängt perspektivlos rum auf den Straßen, das andere Lager hängt perspektivlos vor der Play Station.

Wenige fleißig, zielstrebige junge Leute besuchen die Uni um etwas aus ihrem Leben zu machen.
Viele unserer besten Studenten mit guten Abschlüssen hangeln sich seit Jahren von einem unbezahlten Praktikum zum nächsten, in der Hoffnung später mit einigen Jahren Berufserfahrung endlich einen Job und damit verbunden ein Gehalt zu bekommen, welches ihren Qualifikationen entspricht.

Soviel zur Arbeitsmarkt Lage in Europa.

Die Zeit ist im Wandel, an die Stelle wo unsere Eltern und Großeltern noch mit einem festen Arbeitsplatz für Jahrzehnte langfristig planen konnten, treten nun kurzfristige Zeitarbeitsverträge welche das langfristige planen unmöglich erscheinen lassen.
Unter diesen Umständen ist es nicht verwunderlich das junge Leute auf das schnelle Geld aus sind, und die Geburtenraten immer weiter zurück gehen.

Die Geburtenrate in Deutschland ist die geringste auf der ganzen Welt.

Nun stellt sich die Frage ob es sinnvoll ist Pokerprofi zu werden.
Fakt ist, dass man sein eigener Chef wäre, was enorm viel Vorteile mit sich bringt.


Freiheit liegt nun mal nicht darin, das man tun kann was man will, sondern das man nicht tun muss was man nicht will.


Es ist wunderschön Reiselustig sein zu können, in der Sonne leben zu können, und einen gewissen finanziellen Spielraum zu haben.
Man kann sich seine Zeit frei einteilen. Aber auch da stößt man ab den Midstacks durchaus an Grenzen, weil man die eigene Arbeitszeit der Pokerzeit der Freizeitspieler anpassen sollte, um einen akzeptablen Stundenlohn erreichen zu können.

 
Man tut auf jeden fall das was man liebt.

Doch, ein Spiel als Hobby zu spielen oder es als Beruf zu betreiben sind zwei verschiedene paar Schuhe.

Ein Spiel wie dieses 5-6 Tage die Woche mit 5-7 Stunden zu spielen hat weniger etwas mit einem Spiel sondern eher etwas mit harter Arbeit zu tun.

Machen wir uns nichts vor. Das Spiel ist komplex, so komplex das es nicht möglich ist, es in einem Leben zu meistern. 

Und dennoch ist es relativ simpel wenn man schon seit langer Zeit dabei ist. Situationen und Abläufe wiederholen sich immer wieder, und jeden Monat 100.000 Hände und mehr zu spielen kann ganz schön ermüdend sein.

Es ist schwer, die Motivation aufrecht zu erhalten. G

leichzeitig kann man sich Fehler durch Unkonzentration beim besten Willen nicht erlauben.


Weiterhin möchte ich darauf eingehen das die Spiele einfach tougher geworden sind. Mittlerweile ist soviel Pokerliteratur vorhanden, das selbst auf den kleinen Limits schon ansehnliches Poker gespielt wird.

Damit sage ich nicht, dass die Spiele nicht mehr zu schlagen sind, das sind sie auch im Jahre 2016 weiterhin, aber man kann mit einem einfachen "starting hand chart" einfach keine zig bb/100 mehr erreichen.

Es gibt viele ehemalige erfolgreiche mid stakes Spieler, welche mittlerweile kaum noch die kleinen Limits schlagen. Das ist die Realität.
Und weil die Spiele härter werden, muss man noch mehr Arbeit in die Weiterbildung investieren um auch weiterhin auf dem eigenen Limit bestehen zu können.
Doch wie viel kann man investieren? Wie viel möchte man investieren?

Berufspokerspieler zu sein bedeutet nicht, den ganzen Tag in der Sonne zu liegen, seinen Hobbys nachzugehen um anschließend 2-3 Stunden zu pokern.
Poker ist Selbstständigkeit.

Und wie in jeder Selbstständigkeit ist man selbst und ständig mit der eigenen Selbstständigkeit beschäftigt. Da es eine der obersten Prioritäten sein muss, die Varianz welche unterschätzt wird abzufedern, müssen pro Arbeitstag mindestens

fünf bis sieben Stunden gespielt werden.

Doch mit der reinen Arbeitszeit ist es nicht vorbei.

Man muss sich weiterbilden, Bücher lesen, Coaching Videos schauen, Hände analysieren, die Statistik in Ordnung halten, rechtliche Zusammenhänge im Auge behalten, sich mit Steuergesetzgebung beschäftigen, mit anderen Pokerprofis Hände diskutieren und und und...

Solange es up geht führt man ein recht wunderbares Leben.

Man ist sein eigener Chef, niemand geht einen auf die Nerven, und das Selbstvertrauen steigt mit den steigenden Einnahmen.

Man kann sich materielle Dinge leisten, welche sonst warscheinlich in weiter Ferne lägen. Man kommt in der Welt herum, öffnet seinen Horizont für neues, lernt neue Sprachen und verwirklicht seine Hobbys. Man kann in einem schönen Haus in der Sonne wohnen.

Hört sich gut an? - Ist es auch, es ist ein erstrebenswertes und legitimes Ziel.


Doch bedenkt, jedes down ist eine enorme Herausforderung an die eigene Psyche. Downs von 100 buy ins oder 100 Stacks sind keine Seltenheit.

Beachte dazu den Artikel zum Thema Bankrollmanagment.

 

Das glaubt ihr mir nicht? Sprecht mit Menschen welche bereits mehrere Jahre vom Poker leben. Es gibt sozusagen keine Spieler, welche keine Verlustmonate vorzuweisen haben. Es gibt Monate / zig tausend SNGs etc. wo man durch die vielen verlorenen Flips etc. einfach nicht gewinnen kann.


Leider nehmen diese downs dann Platz im Privatleben ein.
Anstatt sich zu entspannen, seinen Hobbys nachzugehen und soziale Kontakte zu pflegen, sucht man auch in der eigentlich arbeitsfreien Zeit nach Lösungen.

Man ist unzufrieden, ganz und gar mit sich selbst beschäftigt. Nun hat man einen 24 Stunden Job, in welchem Zukunftsängste entstehen, man Antriebslos ist und anfängt an den eigenen Fähigkeiten und dem Sinn des Berufes zu zweifeln.

Man ist eben Selbstständig, und wie jeder Autohändler, Hotelbesitzer oder Kinobetreiber, trägt man die komplette Verantwortung für sein Unternehmen.

Für alle Entscheidungen, Erfolge und Misserfolge der Vergangenheit sowie für alle Entscheidungen in der Zukunft. Wie sagt man immer so schön:

"Ich bin Selbstständig, was bedeutet selbst und ständig am arbeiten!"

Wer nun fleißig ist, viele Rakeback Einnahmen hat, kann das gröbste damit abfedern.
Doch, die Ausgaben laufen weiter, jeden Monat muss das Gehalt ausgezahlt werden, unabhänig davon wie es läuft.

Die Miete muss bezahlt werden, das Auto, die Verträge etc. es ist nicht möglich das Geld in der Bankroll zu lassen. Von seinen bis dahin angelegten Reserven kann und möchte man nicht leben, da man damit mittelfristig die Existens gefährden würde.

Also heißt es auch nach einem Verlust Monat Bankroll auszahlen.

Genaugenommen wird die Bankroll dann doppelt belastet, zum einen durch das entsprechende down, und zum anderen durch die monatliche Auzahlung, auf welche man als Berufsspieler angewiesen ist.
Die Bankroll wird so in kürzester Zeit halbiert, 1/4 , 1/8 usw.
Nun werden einige Spieler aufschreien und sagen: „Wer Skill hat braucht keine Bankroll“ .
Ich sage falsch, denn wissen wir denn wirklich wie viel BB/100 oder "return of investment" wir auf unseren Limit haben? Unser Graph beschreibt nur die Vergangenheit nicht aber die Zukunft.

Es ist unmöglich zu sagen „ Ich hatte bei den letzten 10.000 Sngs ein "return of investment" von 5%, nun werde ich in Zukunft wieder 5% erreichen.

Wir wissen nicht ob sich neue Regs auf unserem heimischen Limit etablieren, welche auf dem gleichen Niveau spielen. Können wir wirklich auf andere Top Leute eine Edge haben, welche den Rake schlägt? Zuviele Regs machen das Spiel unlukrativ. Und es werden immer mehr.

Auch entschließen sich immer mehr junge Leute Profis zu werden, was monatlich Geld aus dem System zieht. Da an den Tischen immer mehr Regs sitzen, müssen diese mehr spielen um das gleiche Einkommen zu erwirtschaften.
Einige spielen mehr Stunden, andere mehr Tische, wobei die Fische weiterhin ihre 2 Tische spielen. Die Reg dichte wird so noch einmal erhöht.

Die schlechtesten Regs auf ihrem Limit müssen ein Limit absteigen um das Spiel überhaupt noch schlagen zu können. Auf diesem Limit wiederum tritt der gleiche Effekt ein, und die Spiele werden bis in das unterste Limit stärker.
Das ist die Realität, dass ist die Zukunft. Es wird härter. Damit sage ich nicht, dass es kein Geld mehr zu verdienen gibt, ich sage das es schwieriger wird, dass es nicht mehr so viel zu verteilen geben wird.
In diesem Zusammenhang werden lukrative Rakeback Deals immer wichtiger. Heute geht nichts mehr ohne einen anständigen Rakeback Deal zusätzliche Gewinne durch hochdotierte Races, welche den Vielspieler belohnen.

Gleichzeitig ist man als Berufsspieler natürlich auf ein ordentliches Gehalt angewiesen.

 

Auch um Steuern, Private Krankenversicherung, Altersvorsorge muss man sich nun selbst kümmern.

Man ist kein Arbeitnehmer, es ist nicht alles geregelt.

Man muss alles selbst machen. Und es ist wichtig.

Wer keine Steuererklärung macht, wird mit Geldbußen belegt,

wer keine Krankenversicherung hat, zahlt unter Umständen sein Leben lang eine notwendigen Operation ab, und wer als Berufsspieler keine Vorsorge betreibt, und damit meine ich Gelder die unter keinen Umständen wieder zum spielen verwendet werden dürfen, handelt sehr naiv.
Auch Gesellschaftlich muss einiges mehr geregelt werden, da man schließlich in dem Sinne keine Arbeitskollegen mehr hat, ist es umso wichtiger sich um soziale Kontakte zu bemühen. Als Pokerprofi ist es wichtig, Kontakte zu anderen Profis zu halten.


Einige Gesellschaftschichten reagieren durchaus negativ auf Berufsspieler, ein dickes Fell ist also von nöten.

Während es junge Leute meistens recht „geil“ finden, sind endlose Diskussionen mit dem älteren Semester an der Tagesordnung.
Möchte man überhaupt, dass alle wissen womit man sein Geld verdient?

Neid und Missgunst begegnen einen genauso wie Verachtung und Unverständnis.

 

Wie möchte man mit der Frage umgehen was man beruflich macht?

Auch wenn man selbst komplett hinter seinen Buisness steht, gibt es gesellschaftliche Situationen, wo man im ersten Moment einfach nicht offen erzählen kann, weil eben das negative Konsequenzen mit sich bringen würde. Was erzählt man dann?


Generell ist das Verhältnis von Berufsspieler und Arbeitnehmer durchaus kompliziert,

da beide Parteien einfach absolut verschiedene Probleme haben.

Alle diese Punkte sollten beachtet werden, bevor man eine persönliche Entscheidung für oder wider trifft.
Man muss sich fragen, ob man der geignete Typ Mensch für diesen Beruf ist,

ob es das ist, was man machen möchte. Ob man auch nach einem 6 wöchigen down aufstehen kann, und zufrieden zu seiner Arbeit gehen kann. Erfolg ist nicht das schwierige, Erfolg kann jeder, welcher Disziplin und Durchhaltevermögen mitbringt.

Die Frage ist, ob man privates und berufliches trennen kann. Ob man bereit ist, wirklich Vollgas zu geben, Races zu spielen und zu gewinnen, und ob man die wunderschönen Vorteile wie finanzieller Wohlstand, Freiheit, Ausschlafen und die Reiselust ausleben zu schätzen weiß, oder an den Nachteilen zugrunde geht.

Diese Entscheidung muss jeder für sich selbst treffen.

 

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Kommentare: 12
  • #1

    AlDaKos (Samstag, 14 Juli 2012 21:06)

    1a geschrieben, genau das sollte man sich vergegenwertigen. Wuerde das fast so an meinnen Bekanntenkreis weiterleiten, damit sie besser verstehen was es heisst zu Pokern. :)
    Saubere Arbeit!

  • #2

    Ein Pokerspieler/eventueller Berufsspieler (Sonntag, 13 Januar 2013 06:16)

    Großes Kompliment für diesen Artikel!

    Sowohl die Vorzüge als auch die Nachteile und Schwierigkeiten, inklusive der psychologischen Komponente, wurden pointiert angesprochen und verständlich formuliert.
    Ich schließe mich meinem Vorredner an und werde den Artikel den Menschen aus meiner nächsten Umgebung zeigen, um damit hoffentlich mehr Verständnis zu erlangen.
    Das Ziel des Autors wurde übrigens erreicht, denn auch bei mir hat er neue Gedankengänge initiiert.

    Vielen Dank an den Autor. Ich vermute, dass ich mich gut mit Ihnen verstehen würde und wünsche Ihnen weiterhin viel Erfolg auf Ihren Wegen.

    Ein Pokerspieler/eventueller Berufsspieler

  • #3

    Leraner (Sonntag, 13 Januar 2013 12:17)

    Vielen Dank für das positive Feedback.
    Leraner

  • #4

    Freezy (Donnerstag, 23 Mai 2013 10:09)

    Vielen dank für diesen Artikel! Ich spiele mit den Gedanken berufsspieler zu werden und konnte bisher nur positives lesen was mich unheimlich skeptisch machte ich bin froh jetzt auch die negativen Aspekte zu sehen das hilft mir dabei mich zu entscheiden und lässt mich weiter grübeln.

    Schöne grüße und danke für den Artikel

  • #5

    Marc (Montag, 06 Januar 2014 22:37)

    Hehe ich lass es jetzt erstmal:) toller Artikel!!!

  • #6

    O.Danke (Montag, 13 Januar 2014 03:23)

    Top!!! Sehr großer Respekt an den Autor. Damit ist quasi alles gesagt, was ein Anfänger über den pokereinstieg wissen muss und was einen erwarten kann. Echt super... und Dankeschön

  • #7

    Matteo (Mittwoch, 23 April 2014 19:02)

    Richtig guter Artikel!
    Weiter so ;-)

  • #8

    vorhandtopspin (Montag, 28 April 2014 18:23)

    zu 100% alles wahr und richtig!

    leider,leider,leider darf man aber bei allem nicht vergessen,dass ohne programme es ebenso zu 100% NICHT möglich ist, langfristig GEWINNE zu machen...

    wer heute keine vernünftigen hilfsmittel hat, hat auch keine reale chance...

  • #9

    Andre (Dienstag, 09 Dezember 2014 03:31)

    Danke für diese wichtigen Informationen...

  • #10

    anonym (Donnerstag, 22 Oktober 2015 13:36)

    Alles gut erklärt. Ich stehe auch vor der Entscheidung. Ich würde eher Live spielen als Online. Du hast aber extrem viele Rechtschreibfehler in deinem Artikel. Das solltest du mal überarbeiten.

  • #11

    ünver (Mittwoch, 23 März 2016 20:57)

    Danke für den Artikel

  • #12

    Leraner (Samstag, 29 Oktober 2016 20:26)

    Der Artikel wurde noch einmal überarbeitet